Im Berliner Clan-Krieg vermittelt Boxweltmeister: Wie es zum "Friedens"-Treffen kam

Am Wochenende lieferten sich ein deutsch-arabischer Clan und tschetschenische Kriminelle blutige Straßenkämpfe. Wenige Tage später sollen sich beide Parteien auf "Frieden" geeinigt haben - offenbar, weil der Profiboxer Manuel Charr intervenierte. Doch wieso mischte er sich in den Streit ein?

 

Sieben Männer sitzen auf zwei Ledersofas um einen kleinen Holztisch, vor ihnen stehen eine Handvoll weiße Plastikbecher und Softdrinks. Was wirkt, wie das Foto eines geselligen Abends unter Freunden, soll tatsächlich Friedensgespräche zwischen Mitgliedern eines Berliner Clans und Tschetschenen dokumentieren. Veröffentlicht wurde das Foto von Profiboxer Manuel Charr am Mittwoch auf Instagram. Der Boxweltmeister will als Vermittler an den Verhandlungen beteiligt gewesen sein.



Er kommentierte das Bild mit den Worten: "Wenn ich 1% Frieden erzeugen kann, dann bin ich als Friedensbotschafter unterwegs".

Wenige Tage zuvor war es in Berlin zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern eines arabisch-libanesischen Clans und einigen kriminellen Tschetschenen gekommen. Elf Menschen wurden durch Messerstiche, Schläge und Tritte verletzt, mehrere Tatverdächtige von der Polizei festgenommen.

"Er wollte nicht, dass die Streitigkeiten weiter blutig auf der Straße ausgetragen werden"

Um weitere Revierkämpfe zu verhindern, habe sich Boxer Charr in den Konflikt eingeschaltet, sagt sein Berater Marco Schmidt im Gespräch mit FOCUS Online. "Beide Seiten - der Clan und die Tschetschenen - fragten Herrn Charr, ob er zwischen ihnen vermitteln könne. Er war sich der schwierigen Situation bewusst und wollte weiteren Schaden abwenden. Er wollte nicht, dass die Streitigkeiten beider Gruppen weiter in blutigen Straßenkämpfen ausgetragen werden", erklärt Schmidt.

Charr, der selbst syrisch-libanesische Wurzeln hat, genießt bei den Beteiligten aufgrund seiner sportlichen Leistung großen Respekt. Gleichzeitig habe er "gute Kontakte zu Ramsan Kadyrow", sagt Schmidt. 2015 war der Profiboxer auf Einladung des tschetschenischen Präsidenten bei einem Kampf in Grosny angetreten.

Charr entschied sich laut seinem Berater also, im Konflikt zwischen Tschetschenen und Mitgliedern des bekannten Clans zu intervenieren. Nicht aber, ohne vorher seinen Vertrauten Michael Kuhr anzurufen. "Mitten in der Nacht klingelte mein Telefon", sagt der ehemalige Kickbox-Weltmeister im Gespräch mit FOCUS Online. Kuhr und Charr verbindet eine jahrelange Freundschaft, beide haben sich durch den Sport kennengelernt. "Ich war sein Vorbild", meint der 58-Jährige, der heute ein Berliner Sicherheitsunternehmen leitet.

Kuhr gilt als strikter Verfechter einer engen Zusammenarbeit mit der Polizei. 2019 sagte er in einem Interview mit der "BZ": "Die stärkste Gang in der Stadt ist die Berliner Polizei!" Seine Überzeugung kam auch im Gespräch mit Charr zum Tragen.

Schlichtungsgespräch: Michael Kuhr soll die Polizei informiert haben

"Charr meinte, er möchte beide Parteien am nächsten Tag an einen Tisch bringen. Die Auseinandersetzungen zwischen den Tschetschenen und dem Clan waren da ja schon kurz vor der Eskalation", sagt Kuhr. Damit hat er wohl nicht ganz Unrecht. Laut einem Bericht des "Tagesspiegel" warnte das für organisierte Kriminalität zuständige LKA-Kommissariat 412 zuletzt vor einer massiven Mobilisierung der tschetschenischen Community. Tschetschenen könnten demnach den Versuch unternehmen, "nach Berlin zu kommen, um die Berliner Tschetschenen zu unterstützen".

Auch der arabische Clan sei in der Lage, zahlreiche Personen zu mobilisieren. So habe Kuhr die Polizei über das Treffen informiert, die Beamten "ins Boot geholt". "Durch den Sicherheitsdienst arbeite ich schon seit 1995 mit den Beamten zusammen. Ich habe die Nummern der Fachdienststellen und mich direkt an sie gewandt", sagt der Ex-Profisportler. Seines Wissens nach sei die Polizei am Tag der Aussprache vor Ort gewesen.

Berliner Polizei betont: Mit Charr wurden "keine Absprachen getroffen"

Bestätigen wollten das die Berliner Polizei auf Nachfrage von FOCUS Online nicht. Die Pressestelle betonte in einem schriftlichen Statement lediglich, dass "die Polizei Berlin keine Absprachen mit Herr Charr geführt bzw. getroffen hat. Zudem ist es auch nicht bekannt, ob Herr Charr tatsächlich in der von ihm behaupteten Funktion zwischen den Konfliktparteien auftritt oder aufgetreten ist".

Der Profiboxer und sein Management bleiben jedoch dabei: Charr habe als "Friedensstifter" agiert und mit seinem Eingreifen potenzielle weitere Gewaltexzesse verhindert.

Letztlich sollen die Verhandlungen laut Berater Schmidt rund 12 Stunden gedauert haben. Und sie fanden demnach nicht wie von mehreren Medien berichtet in einer Neuköllner Moschee statt, sondern an einem "neutralen Ort", sagt der Manager. Charr habe dabei an den "gemeinsamen Glauben" appelliert. "Er warf die Frage in den Raum, wie es sein könne, dass sich muslimische Glaubensbrüder gegenseitig bekriegen", fügt Schmidt hinzu. Am Ende hätten sich beide Parteien die Hand gereicht und den Konflikt beigelegt, sagt er.

Vorwurf: Clans etablieren Paralleljustiz

Dass Clans versuchen, ihre Streitigkeiten ohne Polizei zu lösen, ist nicht ungewöhnlich. Vermittler, Friedensrichter und Clan-Oberhäupter haben seit Jahren eine Art Paralleljustiz etabliert. Hat auch Charr den Staat bei seinem Einschreiten bewusst auf Abstand gehalten? "Es war nie in Herrn Charrs Interesse, Selbstjustiz auszuüben", sagt Berater Schmidt. Über Ex-Kickboxer Kuhr habe er schließlich den Kontakt zur Polizei hergestellt.

Charr ist selbst kein unbeschriebenes Blatt für die Polizei. Im September 2006 wurde er wegen versuchten Totschlags angeklagt und verhaftet, fünf Jahre später im Rahmen einer Razzia gegen eine Autoschieberbande festgenommen. Beide Verfahren wurden letztlich eingestellt. Ursprünglich stammt Charr aus dem Libanon, mit fünf Jahren kam er nach Deutschland. Seine Karriere als Profiboxer startete der heute 36-Jährige 2005, 2017 wurde er der erste arabischstämmige Weltmeister im Schwergewicht.

Ob der Sportler tatsächlich dazu beigetragen hat, den brutalen Ausschreitungen zwischen Tschetschenen und dem Clan in Berlin ein Ende zu bereiten, muss sich zeigen. Am Wochenende war es in den Stadtteilen Neukölln und Gesundbrunnen zu insgesamt drei Gewaltexzessen innerhalb von nur 24 Stunden gekommen. Diverse Videos dokumentieren das Geschehen. Darauf zu sehen: Tritte, Schläge und Menschen, die sich schützend die Hände vors Gesicht halten.


Quelle: focus.de
07.11.2020